Jean-Claude van Rijckeghem - Ijzerkop

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Leseprobe Jean-Claude van Rijckeghem - I
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»J’aime l’oignon frit à l’huile, j’aime l’oignon quand il est bon.

 Au pas, camarad’, au pas camarad’, au pas, au pas, au pas

 Un seul oignon frit à l’huile nous change en lions.«

 

»Ich liebe in Öl gebratene Zwiebel, ich liebe Zwiebel, wenn sie lecker ist.

Im Gleichschritt, Kamerad, im Gleichschritt Kamerad, im Takt, im Takt, im Takt

Eine einzige gebratene Zwiebel macht Löwen aus uns.«

 

Marschlied der Grande Armée

 

 

1.    Stans

 

 

Seit mein Bruder auf der Lateinschule mit Söhnen französischer Offiziere und flämischer Industrieller zusammen ist, hält er sich für einen echten Mann. In den Ferien paradiert Pier stolz wie Kaiser Karls Kater in seiner Schuluniform durch Gent. Er ist sich natürlich viel zu fein, um mir mit der Wäsche zu helfen. Heute Morgen ist er absichtlich zur zweiten Messe gegangen, der Hostienlutscher, um sich davor zu drücken. Er war erst gegen zehn Uhr zurück, mit seinem Gebetbuch unterm Arm und einem frommen Blick, der mich an Schwachsinnige oder alte Nonnen erinnerte. Er hat auf dem Heimweg extra getrödelt, aber ich habe auf ihn gewartet. Ich sehe nicht ein, dass ich die ganze Wäsche alleine zum Fluss schleppen soll.

 »War ne Schlange am Beichtstuhl oder so?«, frage ich ihn.

 Er guckt mich mit Unschuldsmiene an.

 »Ich habe nichts zu beichten«, antwortet er. »Die Wäsche ist deine Aufgabe, nicht meine.«

 »Vergiss es, Kirchenschleicher«, sage ich. »Wenn du nicht zur Schule musst, hilfst du mir mit der Wäsche.«

 Ich lege die Hand auf meinen Griff des Wäschekorbs. Pier lässt sich mit dem Weglegen seiner Kirchensachen Zeit, legt sie ordentlich auf das richtige Brett und schließt den Buffetschrank. Als er endlich neben dem Wäschekorb steht, kann man ihm den Widerwillen ansehen. Zusammen heben wir den Korb vom Tisch.

 »So gehst du mir nicht vor die Tür«, erklingt es hinter mir.

 Mutter betritt in Holzschuhen das Zimmer. Ich gucke so unschuldig wie möglich drein. Was stimmt denn nicht? Meine Röcke reichen mir bis zu den Knöcheln, meine Bluse ist bis zum Hals dichtgeknöpft und mein Haar ist ordentlich zu einem Zopf geflochten.

 »Wo ist deine Kopfbedeckung?« Von einem Haken an der Hutablage pflückt sie wieder diese grässliche Haube mit dem roten Schirm. Sie drückt sie mir auf den Kopf und stopft meinen Zopf hinein. Durch den Schirm kann ich nicht mehr nach links und rechts gucken, und mein göttliches Antlitz wird vor den Blicken junger Männer völlig verborgen. Mutter knotet die breiten Bänder fest, als handle es sich um einen Kampfhelm zum Schutz meiner Jungfräulichkeit.

 »Au, nicht so fest!«, sage ich.

 »Mecker nicht, Constance«, erwidert sie. »Diese Hauben sind die neuste Mode in Paris.«

 »Vielleicht zu der Zeit, als deine Großmutter ihre Milchzähne noch hatte«, sage ich.

 Mutter ignoriert meine Bemerkung und warnt meinen Bruder: »Pieter, du passt auf deine Schwester auf.«

 »Du kannst dich auf mich verlassen«, sagt Papst Pieter der Fromme.

 

Pier und ich tragen den Korb die Straße entlang. Der Wäschestapel schaukelt in unserer Mitte. Wir gehen nicht zu schnell, damit wir nicht unterwegs ein Hemd oder eine Socke verlieren. Es ist kalt, und aus den Schornsteinen steigt Rauch auf. Auf der Straße ist wenig los. Ein paar Jungs mit staubgeschwärzten Kleidern schleppen Kohlensäcke, die sie liefern müssen. Am Kai der Lieve liegen zwei Holzflöße, die mit Ketten an Eisenringen festgemacht sind. Auf diesen Flößen reiben Frauen und Dienstmädchen die Wäsche mit harten weißen Seifenstücken ein. Jeden Morgen kann man den Seifengeruch im weiten Umkreis riechen, und das dunkle Wasser ist von einem weißen Schaumteppich bedeckt. Die Fische in der Lieve sind die saubersten in ganz Gent. Pier und ich gehen über das erste Floß zum zweiten, auf dem noch viel Platz ist. Wir stellen unseren Wäschekorb ab. Die meisten Frauen, die hier die Wäsche machen, sind Dienstmädchen wohlhabender Familien, aber meine Mutter braucht kein Dienstmädchen, denn sie hat ja mich.

 

Die Frauen auf dem Floß haben die Ärmel hochgekrempelt und seifen, schrubben und spülen die Wäsche in einem Höllentempo. Ich nehme mir Zeit, und mein lahmer Bruder kniet sich in seinem teuren Schulanzug auf das Floß. Seine blöden weißen Kniestrümpfe werden schmutzig werden, das sieht man gleich. Seine Kopfbedeckung in der Form eines Bötchens traut er sich nicht abzunehmen. Er hat Angst, dass ich sie ins Wasser werfe, um zu sehen, ob sie schwimmt.

 

Ich fange ein Gespräch mit Mie De Peeze an, einem echten Lästermaul, einer alten, unverheirateten Tratschtante, die hemmungslos über ihren Arbeitgeber herzieht, den Brauer Hans De Grote, dessen Frau die Finger nicht vom Bier lassen kann und dessen Kinder wie die wilden Affen an den Dachbalken herumturnen. Laut Mie De Peeze jedenfalls.

 »Hast du schon gehört?«, kommt Mie De Peeze endlich zur Sache. »Der Brauer hat der Witwe Coppieters mit seinem Eselskarren ein Fass Bier geliefert. Aber nicht in ihre Kneipe, sondern ins Franziskanerkloster. Da findet nachher ein Boxkampf statt.«

 »Nimm«, sage ich zu Pier und halte ihm eine Lakenecke hin. Er steht auf. Wir drehen jeweils in entgegengesetzte Richtung, bis die Tropfen auf das Floß prasseln.

 »Und zwar nicht irgendein Boxkampf«, flüstert Mie mit verschwörerischer Stimme, als ob Gott es nicht hören soll, »sondern ein Boxkampf zwischen zwei Frauen.«

 Pier lässt das Laken los und bekreuzigt sich.

 »Möge Gott ihnen vergeben«, sagt Mie De Peeze. Sie bekreuzigt sich mehrmals und fragt sich, was aus unserem Land werden soll, jetzt wo die Mönche aus den Klöstern verjagt sind, flämische junge Männer im französischen Heer marschieren und eine Ehe, die heilig und ewig und unverbrüchlich ist, im Rathaus mit einem Federstrich des Beamten für nichtig erklärt werden kann.

 »Gottlose Zeiten sind das«, jammert Mie De Peeze, während sie die Nachthemden des Brauers einseift. »Alles hat damit angefangen, dass sie in Frankreich den König umgebracht haben. Und die arme Marie-Antoinette.«

 Mie De Peeze schüttelt den Kopf, als trauere sie immer noch um diese verwöhnte Person. Pier guckt so betrübt, als sei Marie-Antoinette seine Cousine gewesen. Nur mir ist die Ziege völlig gleichgültig. Ich bin ein Kind der Revolution, und während ich das Laken auffalte, pfeife ich die Marseillaise, um meinen Bruder und Mie De Peeze zu ärgern. Sie merken es nicht mal. Mie unterhält sich schon mit jemand anderem.

 

Eine Viertelstunde später wringe ich das letzte Hemd aus. Ich werfe es Pier zu. Meine Hände sind weiß vom kalten Wasser.

 »Wir gehen zu dem Boxkampf«, sage ich.

 Pier sieht mich an, als hätte Gott ihn geohrfeigt. Dann legt er Vaters Hemd zusammen, ohne mich anzusehen, wie er es immer macht, wenn ich eine großartige Idee habe, die ihm überhaupt nicht passt, diesem Wichtigtuer. Er legt das Hemd auf den Stapel und packt einen der Griffe des Wäschekorbs.

 »Komm, heb hoch«, befiehlt er.

 Ich nehme den anderen, und dann heben wir zusammen den durch die nasse Wäsche schwer gewordenen Korb an. Wir machen gleichzeitig den Schritt vom Floß auf die unterste Stufe der Treppe zum Kai und steigen schweigend die zwölf Stufen hinauf. Unser Korb hinterlässt eine Tropfenspur. Oben angekommen stellen wir ihn ab. Ich rolle meine Ärmel runter. Meine Finger bekommen langsam wieder Farbe. Sie prickeln.

 »Hast du gehört, was ich gesagt habe, Stint?«, frage ich. »Wir gehen uns den Boxkampf ansehen.«

 Ein Stint ist ein hässlicher, kleiner Fisch, deshalb nenne ich meinen Bruder so, wenn er mir auf die Nerven geht.

 »Wir gehen nach Hause«, sagt er. »Du musst die Wäsche auf die Leine hängen. Komm, heb hoch.«

 Wir tragen den Korb noch ein Stückchen weiter, aber auf der kleinen Brücke, von der aus man die Schlossruine sehen kann, bleibe ich stehen. Ich lasse meine Seite des Korbes zu Boden sacken und den Griff los. Fast fällt die Wäsche um. Pier stellt seine Seite auch ab.

 »Alleine kannst du den Korb sowieso nicht nach Hause tragen«, sage ich. »Mitgefangen, mitgehangen, mit zum Boxkampf gegangen.«

 Pier versucht, sich aufzuplustern.

 »Das tun wir nicht! Wenn Mutter das hört, kriegst du so viel Prügel, dass du in die Zeitung kommst.«

 »Prima. Dann komme ich endlich in die Zeitung.«

 »Hör auf, Stans«, schnaubt Pier. Er sieht es schon morgen wirklich in der Zeitung stehen: »Am Sonntag, den 6. März des Jahres 1808 erhielt Constance Hoste, die achtzehnjährige Tochter des bekannten Genter Werkzeugmachers und Erfinders Leopold Hoste, eine solche Tracht Prügel, dass sie zukünftig nur noch beschränkt einsatzfähig sein wird.«

 »Du traust dich auch gar nichts, Stint. Du Langweiler«, sage ich.

 »Ein Boxkampf? Zwischen Frauen? Das ist unsittlich. An einem Sonntag und darüber hinaus am Feiertag der Heiligen Colette? Das ist eine Sünde. Das werden wir beichten müssen.«

 »Beichte du ruhig für uns beide«, sage ich. »Die Vaterunser, die du dann runterleiern musst, teilen wir uns. Und jetzt los.«

 »Nein, wir dürfen nicht zu spät zum Mittagessen kommen.«

 »Wir sagen, dass das Waschen länger gedauert hat. Dass alle Dienstmädchen von Gent auf den Waschflößen versammelt waren und wir warten mussten.«

 »Nein.«

 »Nur fünf Minuten im Kloster, Stint. Fünf Minuten. Ich möchte es bloß sehen. Wir gucken kurz rein und dann gehen wieder. Rein, raus. Ich verspreche auch, dass ich dich danach nie wieder Stint nenne. Und nett zu dir bin.«

 »Du nett zu mir? Wenn Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen.«

 »Mensch, Stint, bist du denn gar nicht neugierig? Boxende Frauen. Damit kannst du nächste Woche in der Schule vor diesen Söhnen von Markgrafen und Obersten angeben.«

 Pier seufzt so laut wie möglich. Er weiß, dass ich dickköpfiger bin als die zwei Esel auf der Arche Noah.

 

Die Glocken der Stadt schlagen elf, als Stint und ich die Tür der Klosterkirche aufdrücken. Wir sind schweißgebadet wegen des verfluchten schweren Korbes. Die Kirche ist ein Raum, in dem die Franziskaner einst Rosenkränze durch die Finger laufen ließen und Psalmen murmelten. Heute ist Gott nicht zu Hause. In seinem Tempel stehen hundert Mann und saufen und grölen wie in einem Wirtshaus. Sie stehen rund um eine abgesperrte Fläche in der Mitte der Kapelle. Ich kann selbst auf den Spitzen meiner Holzschuhe stehend nicht über all die Männer hinweggucken, um zu sehen, was in der Mitte passiert. Aus dem aufgeregten Gebrüll schließe ich, dass der Kampf in vollem Gange ist. Pieter schubst Rattenküttel mit dem Fuß zur Seite und rutscht dabei aus. Er fällt auf die Knie, und ich schaffe es so gerade, den Wäschekorb aufrecht zu halten. Pier ist nicht immer Herr seiner Gliedmaßen. Zu Hause läuft er überall gegen, stolpert über jede Stufe und lässt gefühlt hundertmal am Tag etwas fallen. Er hat sicher schon ein Dutzend Porzellantassen zerbrochen. Mutter fragt sich manchmal, wie es möglich sein kann, dass er so ungeschickt ist.

 

Pier weist mich auf eine leere Ecke beim Taufbecken hin. Wir gehen hinüber und stellen den Wäschekorb ab. Die Töchter vom Wirtshaus „Zur schwarzen Elster“ zapfen Bier aus einem Fass in die Humpen der Besucher. Ihre Mutter, die Witwe Coppieters, raucht eine Pfeife. Sie trägt eine dicke, wollene Flickenjacke, die schon seit hundert Jahren aus der Mode ist. Sie nimmt das Geld entgegen, zählt es und steckt es in eine Zigarrenkiste. Zwischen dem Mannsvolk stehen ein paar aufreizend gekleidete Frauen. Sie tragen das Haar offen und ihre Kleider haben so tiefe Ausschnitte, als müssten ihre Brüste auch atmen. Sie kommen sicher aus dem einen oder anderen Sündenpfuhl, in dem man für Liebe bezahlt und Bibeln zum Befeuern des Herdes benutzt werden. Sie hängen am Arm von Männern mit teuren Stiefeln, Reiterjacken und weißen Kragen.

 Gerade als wir den Wäschekorb abgestellt haben, geht ein Aufschrei durch die Menge. Pier macht sich fast in die Hose.

 »Lass uns gehen«, sagt er mit dem Hut in der Hand.

 »Wir sind gerade erst angekommen, du Messdiener. Geh beten, wenn du dich fürchtest.«

 Ich trete vor, hin zum Spektakel.

 »Stans, bleib hier«, sagt Pier, doch ich quetsche mich durch die Menge. Den Rufen nach zu urteilen, ist der Kampf fast entschieden. Ich drängle mich eilig nach vorne. Schließlich habe ich diesen elenden Korb nicht bis hier geschleppt, um dann alles zu verpassen. Der rechteckige Kampfplatz in der Mitte der Kapelle ist mit Brettern abgetrennt.

 »Musst du nicht zu Hause sein und Spitzen klöppeln?«, fragt mich ein Mann von links. Ich kann ihn nicht gut sehen durch den Schirm meiner Haube. Er riecht nach Bier, Schweiß und Zwiebeln. Er zieht sich die Mütze vom Kopf, schlägt sie sich gegens Knie und setzt sie wieder auf. Durch Jahre in der Sonne und das Schlagen gegens Knie ist sie völlig ausgeblichen.

 »Die Spitzen für heute hab ich fertig«, sage ich, ohne mich ihm zuzuwenden. »Es ist doch wohl noch nicht vorbei?«

 »Nein, gleich fängt die dritte Runde an«, sagt der Mann. »Sag mal, bist du nicht eine der Töchter der Schwarzen Elster? Ich bin verrückt nach euerm Bier. Bringst du mir eins? Gratis? Kriegst auch einen Kuss dafür.«

 Er hält mir seinen Krug hin.

 »Hol’s dir selbst«, sage ich und sehe ihn an. Er sieht nicht viel besser aus als seine Mütze. »Und was den Kuss betrifft … Mein Bruder ist Offizier bei der Gendarmerie. Der letzte Kerl, der einen Kuss von mir wollte, hat es sehr bereut.«

 »Oh«, sagt der Mann.

 »Inzwischen geht’s ihm besser. Die Ärzte denken, dass er in einem Monat wieder wird kauen können.«

 Der Mann guckt kurz blöd, dann lacht er.

       »Ein Gendarm», sagt er. »Du bist mir ja eine.«

      »Sag mir lieber, wer gewinnt.«

      »Die verrückte Neel natürlich. Auf die hab ich mein ganzes Geld gesetzt.«

      »Und wer ist die andere?«

      »Bring mir ein Bier, dann sag’s ich dir.«

      »Lass sie in Ruhe«, höre ich eine bekannte Stimme hinter mir. Und tatsächlich: Da steht der Heilige Stint mit seiner hohen Stimme und seinem Hühnergrips. Fehlt nur noch ein Heiligenschein. Der Mann guckt verärgert.

  »Ich bin ihr Bruder«, sagt Pier, so männlich wie möglich.

 »Der Gendarm«, sagt der Mann, lacht laut auf und klopft Pier freundschaftlich auf die Schulter, als seien sie Saufkumpanen. Pier bricht fast zusammen und wischt sich die Bierspucke des widerlichen Manns vom Gesicht.

 »Man glaubt es kaum«, sage ich, »aber mein Bruder kann mit seinen Zähnen Eisenstäbe biegen.«

 Der Mann mit der hässlichen Mütze kriegt sich gar nicht mehr ein.

 »Dein Dämchen hier ist mir ja eine«, sagt er.

 Pier wappnet sich. Er befürchtet kurz, dass er wieder einen Schlag auf die Schulter bekommt.

 »Ich glaube, der Mann ist betrunken«, sagt Pier.

 Ich verdrehe die Augen.

 »Ich, betrunken?«, sagt der Mann mit gespieltem Erstaunen. »Sonntags nie.«

 »Stans, lass uns gehen», quengelt Stint.

 »Noch ganz kurz.«

 

Ich sehe mir die Frauen an, die jeweils in einer Ecke des Rechtecks sitzen. Die eine ist blond und trägt ein Seidenhemd, einen violetten Rock, der schmutzig geworden ist, und Lederhandschuhe. Es ist eine Frau mit Geld. Eine Frau aus gutem Hause. Sie hat breite Schultern und lange Arme, aber abgesehen davon ist sie nicht kräftig gebaut und hat eine dünne, bleiche Haut.

 »Sie nennt sich Courage«, sagt der Mann. »Das ist alles. Keiner weiß, wer sie ist und woher sie kommt.«

 Die blauen Flecken in ihrem Gesicht, die mühsame Atmung und die blutende Lippe lassen vermuten, dass Courage nicht dabei ist zu gewinnen.

 »Ich polier dir die Fresse, dass dein Kiefer für den Rest deines Lebens schiefsteht, du Bürgerschlampe«, ruft ihre Gegnerin aus der anderen Ecke.

 Es ist Cornelia, die älteste Tochter des Kohlenhändlers. Sie ist eine Frau wie eine Festung, eine Matrone mit dicker Haut und Fäusten wie Kohlenschaufeln. Den Kerl, der ihren Kosenamen „verrückte Neel“ prägte, hat sie wahrscheinlich mit einer stumpfen Nagelschere gevierteilt. Aber auch sie hat gelitten. Ihr rechtes Auge ist zugeschwollen und blutet. Ich frage mich, ob sie damit noch was sehen kann.

 »Wenn ich mit dir fertig bin, will dich kein Mann mehr«, brüllt Neel ihrer Gegnerin zu. Sie nimmt einen Schluck Bier und wischt sich Schaum und Blut von den Lippen.

 »Die verrückte Neel ist ein Besen.« Der Mann mit der farblosen Mütze grinst.

 Ein Mann mit einer neuen Reiterjacke, die ihm zu groß ist, und einem Hut mit einer Feder nimmt Courages verletzte Hand und versucht, sie zum Aufgeben und Mitkommen zu überreden. Aber Courage reißt ihre Hand los und ruft etwas. Sie ist wütend. Ich sehe es an ihrem Blick. Wegen des Lärms verstehe ich nicht, was sie sagt, aber von ihren Lippen lese ich ab: »Niemals.« Sie zeigt auf den Geneverkrug auf dem Boden. Daraufhin greift der junge Mann ihn sich, nimmt einen Schluck, füllt seine Wangen und prustet den Schnaps in einem feinen Sprühnebel in Courages wundes Gesicht. Sie zuckt zurück wegen des plötzlichen brennenden Schmerzes durch den Alkohol und springt auf. Ihre Augen sind groß und hellwach.

 Ein Mann in einer französischen Sergeantenuniform tritt in die Arena und ruft: »Meine Herren, messieurs, Achtung, votre attention s’il vous plaît.« Ein Genter R verirrt sich in sein Französisch. Seine Uniform hat Löcher, und es fehlen zwei Knöpfe. Er hebt eine Pistole. Das Jubeln der Zuschauer verstummt.

 »Dritte Runde, le troisième tour

 Er hält die Pistole zur Decke und ballert in Richtung des Gemäldes des Heiligen Franziskus’, der den Vögeln und Wölfen das Wort Gottes verkündet. Das verbrannte Schießpulver verbreitet einen Geruch von faulen Eiern.

 Neel trinkt aus, leckt sich den Schaum von der Oberlippe und wirft den Krug ins Publikum. Ein Johlen erklingt.

 »Greif sie dir, Neeltje«, brüllt der Saufkumpan neben uns.

 

Courage und die verrückte Neel gehen aufeinander zu, umkreisen sich auf nackten Füßen. Die Arme angewinkelt. Die Hände in Handschuhen. Den Blick aufeinander gerichtet. Neel hat keine Geduld. Sie schlägt drauf los und versucht, ihre Gegnerin ins Gesicht zu treffen. Courage zieht den Kopf ein, und Neels Arm schwingt sicher dreimal über sie hinweg. Courage versucht, nach rechts oder links auszuweichen, aber Neeltje versperrt ihr jedes Mal den Weg. Als Courage gegen die Bretterwand stößt, sieht Neel ihre Chance gekommen. Sie lässt Schläge auf Courages Schultern und Arme niederprasseln. Dann muss sie einen Schlag gegen den Kopf einkassieren, und das Publikum schreit auf. »Mach sie fertig, das Weib!«, ruft Widerliche Mütze. Courage wirft sich gegen Neel. Sie hakt sich mit ihren dünnen Armen um Neels stämmigen Körper. Diese versucht sich loszureißen, tritt ihr auf die Füße und gegen die Schienbeine, doch Courage hängt an ihr wie ein Blutegel.

 

Erst in der Mitte des Rings lässt Courage los und schubst ihre Gegnerin von sich weg. Neel setzt erneut zum Angriff an, rasend wie ein gereiztes Tier. Courage weicht ihren Schlägen aus. Was ihr an Kraft fehlt, macht sie durch Wendigkeit und Schläue wett. Die Zuschauer brüllen sich heiser. Sie wollen Blut sehen. Eine Siegerin. Ich knote das Band los und reiße das hässliche Teil von meinem Kopf. Mein Zopf fällt mir auf den Rücken, und ohne es zu merken, brülle ich selbst in dieser drängelnden, schwitzenden und rülpsenden Menschenmenge.

 »Lass dir das nicht gefallen, Courage!«, rufe ich. »Mach sie platt, verdammt!«

 »Stans, benimm dich!«, ruft Pieter mit äußerster Missbilligung, weil ich an einem kirchlichen Feiertag geflucht habe. Doch ich kann den Blick nicht von den beiden rasenden Frauen mit ihren schwingenden Fäusten abwenden.

 Pier reicht es. Er will weg, doch er bekommt einen Stoß, verliert das Gleichgewicht und taumelt gegen die Bretterwand. Sein Hut fällt. Jemand tritt drauf.

 »Mit dir kann man sich echt nirgends sehen lassen.« Ich lache.

 Er zieht sich hoch und sagt, dass wir jetzt nach Hause müssten. Dass Mutter sagt, ich müsse ihm gehorchen, auch wenn er vier Jahre jünger sei. Er fleht. Tränen der Ohnmacht stehen in seinen Augen. Doch ich brülle: »Los, Courage, nicht aufgeben!«, als ob ich jeden Sonntag zu Boxkämpfen ginge. Neel greift wieder und wieder an, aber Courage schützt ihren Kopf mit den Armen. Sie lässt sich nicht mehr in die Ecke drängen.

 »Schlag ihr die Zähne aus!«, feuert Widerliche Mütze Neel an. »Keine Gnade. In den Sand mit dem Blaustrumpf!«

 

Neel, schwer atmend und schwitzend, gelingt es, Courage in den Bauch zu treffen. Ich schnappe nach Luft, als hätte ich selbst einen Schlag in die Magengrube bekommen. Courage fällt auf ihr rechtes Knie. Neel holt zum entscheidenden Schlag aus. Hier kommt der Hammerschlag. Doch Neel ist nicht schnell genug. Courage wirft sich nach hinten und springt wieder auf. Vom Schwung ihres wüsten Schlags mitgerissen, verliert Neel das Gleichgewicht und Courage nutzt die Gelegenheit. Bevor Neel sich fangen kann, trifft Courages Faust sie mitten ins Gesicht. Die Nase der verrückten Neel explodiert. Blut spritzt.

 

Piet bekommt Spritzer aufs Hemd und schreit auf.

 

Der Schmerz des Einschlags muss durch Neels Kopf branden. Sie stolpert rückwärts. Bevor sie das Gleichgewicht wiedergefunden hat, noch bevor sie mit den Füßen wieder fest im Sand steht, boxt Courage ihr dreimal gegen die rechte Schläfe. Neel fliegt zur Seite, fällt wie ein Sack Kohlen in den Sand und die Rattenküttel und bewegt sich nicht mehr. Der Schiedsrichter ist völlig baff. Er kann nicht glauben, dass der Kampf vorbei ist. Dann hebt er Courages Arm in die Luft.

 „Die Gewinnerin. La vainqueuse«, ruft er. »Mamsell Courage gewinnt dreiundvierzig Francs!«

 

Doch Courage ist völlig erschöpft. Sie klappt fast zusammen. Im Publikum wechseln Münzen den Besitzer. Diejenigen, die auf Courage gewettet heben, holen sich ihr Geld von denjenigen, die so dumm waren, nicht auf sie zu wetten. Mein durstiger Freund mit dem leeren Humpen zieht seine widerliche Mütze vom Kopf, schlägt sie sich dreimal gegens Knie und flucht, dass es eine Freude ist. Der junge Mann mit der zu großen Reiterjacke hilft Courage auf. Er legt ihren Arm um seine Schultern, stützt sie und hilft ihr aus der Klosterkirche hinaus. Ich drängle mich durch die Menge nach draußen.

 

Im Innenhof sehe ich, wie der Begleiter Courage in eine rote Berline hilft, eine kleine, geschlossene Kutsche mit vier Sitzplätzen. Dann rennt er wieder nach drinnen. Ich laufe zur Kutsche, springe aufs Trittbrett und gucke hinein.

 

Courage hält sich ein nasses Tuch ans Gesicht. Dann bemerkt sie mich. Sie sieht mir in die Augen und grinst. Dabei entblößt sie ihre Zähne, die rot sind vor Blut. Ihr Gesicht voller Schrammen und blauer Flecke ist großartig und stolz. Der Mann mit der Feder am Hut kommt angerannt und steigt auf der anderen Seite in die Kutsche. Er stößt gegen die Decke und verliert den Hut. Er setzt ihn wieder auf. Der Hut, genau wie die Jacke, ist zu groß für ihn. Hat er einen kurzsichtigen Schneider, oder sind die Kleidungsstücke von seinem großen Bruder? Er setzt sich der böse zugerichteten Frau gegenüber.

 »Ich hab das Geld, Chèrie«, sagt er und küsst sie auf den Mund, der schamlose Bock. Dann sieht er mich. Mein stummes, erstauntes Gesicht in der Türöffnung der Kutsche. Er lächelt. Sein Lächeln ist schön und warm und frech. Er hat Löcher in den Ohren, in denen Ohrringe gehangen haben. Dann klopft er mit seinem Stock an das Dach der Berline. Der Kutscher schnalzt mit der Zunge, und das Pferd zieht die Kutsche in Bewegung. Ich springe vom Trittbrett.

 Pier zieht mich am Arm, wir müssen los.

 »Der Mann mit der Feder am Hut«, sage ich. »Hast du den gesehen?«

 »Ja und?«, fragt er.

 »Das ist eine Frau«, sage ich.

 Pier sieht mich verwirrt an.

 »Wie meinst du das?«

 Ich schüttle den Kopf. Lass ruhig.

 »Wir gehen nach Hause.«

 

Pier geht in die Kirche zurück. Wer sind die Frauen? Hat eine von ihnen einen Mann, der auf Reisen war? Oder wohnen sie – Gott bewahre – zusammen wie ein Ehepaar? Warum nur sollte Courage sich um Himmelswillen zwischen vier Holzwänden verprügeln lassen, während eine Meute halb betrunkener Männer und ein paar Frauen sich die Seele aus dem Leib schreit? Und dieses Grinsen! Es ist ein Grinsen, dass das Leben auslacht und die Ordnung der Dinge auf den Kopf stellt.

 

Ich gehe in die Kapelle des Rattenklosters zurück und sehe Pier am Taufbecken stehen. Er sieht mich an und scheint in Tränen ausbrechen zu wollen. Er zeigt auf eine dunkle, nasse Stelle im Sand. Die Stelle, an der unser Wäschekorb nicht mehr steht.