Ellen Verstrepen - Oker

An Janssens wächst in der Obhut ihres zwei Jahre älteren Bruders Rutger auf, denn die Eltern sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wenn ein Interesse an den Kindern gezeigt wird, dann nur an Rutger, der sich allerdings als durchschnittlich entpuppt, während er sich von Kindesbeinen an als Künstler sieht. Als An vier Jahre alt ist, begeht der Vater Selbstmord und die Mutter verfällt dem Alkohol. Kaum den Kinderschuhen entwachsen wird auch Rutger zum Trinker, während An ihm zuverlässig jedes Mal zur Seite steht, wenn er über der Kloschüssel hängt.

An versucht ihre gesamte Kindheit und Jugend, möglichst nicht aufzufallen. Sie hat gelernt, die eigene Unwichtigkeit zu akzeptieren. Als Rutger ihr Wannes Hasse vorstellt, seinen früheren Mitbewohner, der jeden Tag denselben Zug wie sie nach Hasselt nimmt, traut sie sich lange nicht einmal, ihn anzusprechen, doch nach einer Weile entwickelt sich doch eine unverbindliche Art Freundschaft zwischen den beiden, in der jedoch vieles unausgesprochen bleibt, unter anderem ihre Gefühle für ihn.

Bald stellt sich auch heraus, dass Wannes eine Freundin hat, Arianne, die fast unerträglich perfekt ist. An ihrerseits wohnt schon seit Jahren mit ihrer Jugendliebe Jonas zusammen, doch eigentlich nur noch aus Gewohnheit.

Als Rutger, der nach einem gescheiterten Versuch auszuziehen wieder in seinem Kinderzimmer wohnt, An nach einem Abend bei der Mutter, der für alle Beteiligten nur mit viel Alkohol zur ertragen war, mit dem Auto nach Hause bringen will, fährt er gegen einen Baum und ist sofort tot. An liegt monatelang im Krankenhaus und zieht dann zu ihrer Mutter zurück, die sich um sie kümmert. Diese hat in der Zwischenzeit ihr Leben umgekrempelt. Nicht nur scheint sie ohne Alkohol zurecht zu kommen und ihren Look komplett umgestellt zu haben, sondern auch das Haus ist völlig renoviert worden. Schließlich ist Rutgers Anteil des Geldes, das der Vater bei seinem Ableben ausdrücklich nur den Kindern vererbt hatte, wieder ihr zugefallen.

An fühlt sich bei ihr überhaupt nicht wohl und zieht sich so viel wie möglich zurück. Als die Mutter ihr aufträgt, das Zimmer des Bruders aufzulösen, weil sie das nicht könne, findet sie in einer Truhe dessen Drogenvorräte und jede Menge Bargeld. Erst jetzt geht ihr auf, dass ihr Bruder gedealt haben muss. Mit der Hilfe der Nachbarstochter Sandy schafft sie das Geld und einige andere Erinnerungsstücke, die für sie nach Entdeckung dieser Lebenslüge allerdings im Grunde wertlos geworden sind, in ihre Wohnung, aus der in der Zwischenzeit auch Jonas ausgeflogen ist, um mit einem Stipendium ins Ausland zu gehen. Als An schließlich wieder in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen, und auch Jonas wieder zurückkehrt, einigen sie sich einvernehmlich, dass ihre Beziehung zu Ende ist.

Bei einer Gedenkverstanstaltung für Rutger trifft An Wannes es wieder. Er bietet ihr an, sie in der ersten Zeit zur Arbeit zu fahren, weil sie noch nicht so gut zu Fuß ist. Er erzählt ihr, dass Arianne mit Ärzte ohne Grenzen nach Liberia gegangen ist und An wittert ihre Chance, doch nach einem Abend, der mit einer gewissen Annäherung endet, blockt Wannes am nächsten Tag wieder völlig ab und bucht kurzerhand eine Reise nach Lappland.

Nach dieser Abfuhr ist An am Boden zerstört und ergibt sich dem Selbstmitleid und dem Alkohol. Erst zwei Monate später gelingt es Sandy, sie aus diesem Loch zu ziehen. Doch schon bei ihrem ersten Ausflug vor die Tür trifft sie auf Rutgers Jugendfreund Dieter, der ihr direkt aufs Butterbrot schmiert, dass Wannes und Arianne in der Zwischenzeit spontan in Lappland geheiratet hätten. Wieder zieht An sich völlig zurück und lebt nur noch von Alkohol und Zigaretten, doch dieses Mal ruft sie drei Wochen später von sich aus Sandy an, um sich von ihr retten zu lassen.

Sie rafft sich auch wieder dazu auf, zur Arbeit zu gehen, und trifft prompt im Zug auf Wannes. Sie beschließt, ihm nicht mehr hinterher zu trauern und sich einen anderen Mann zu suchen. Das führt zu einer Reihe sehr kurzlebiger Affären, doch nach der vierten sieht sie ein, dass keiner dieser Männer Wannes ersetzen kann und entschließt sich zu einem radikalen Schnitt. Sie schreibt ihre Version der Geschichte für Wannes auf, weil es ihr ein Bedürfnis ist, sich zu erklären, steckt sie ihm in den Briefkasten und verschwindet.

Der Epilog wirft ein etwas anderes Licht auf die Geschehnisse. Wannes erinnert sich, wie er Rutger im Studentenwohnheim kennenlernte und wie dieser völlig die Kontrolle über sein Leben verloren hat, immer ungenierte gedealt und sich prostituiert hat. Wannes selbst hatte damals darauf hingewirkt, dass Rutger wieder zu seiner Mutter gezogen war. Als dieser dann bei dem Autounfall ums Leben gekommen war, mit Alkohol und Kokain im Blut, wie sich später herausstellte, hatte er sich Vorwürfe gemacht.

Arianne, die als Chirurgin in dem Krankenhaus arbeitete, hatte dafür gesorgt, dass Ans Mutter Suzanne und Jonas wochenlang dort übernachten durften, während An im Koma lag. Durch Arianne blieb auch Wannes mit der Familie Janssens wider Willen verbunden. Als er sie eines Abends von der Arbeit abholen kommt, wird er in ein Gespräch darüber miteinbezogen, wie es jetzt weitergehen soll. Suzanne lässt sich bestätigen, dass es eine gute Idee sein könnte, das Haus ein wenig zu renovieren, damit An sich wohler fühlt. Zudem empfiehlt Arianne einen strukturierten Tagesablauf. Bei diesem Gespräch kommt auch heraus, dass Suzanne An verschwiegen hat, dass Sandy Ans Halbschwester ist, aus Angst, dass diese ihren Vater würde oder womöglich auch Selbstmord begehen könnte. Ihr Vater hatte jahrelang eine Affäre mit der Nachbarin Rita gehabt, deren Mann als LKW-Fahrer so gut wie nie zu Hause gewesen war.

Als An nach einiger Zeit wieder zur Arbeit erscheinen muss, bittet Suzanne Wannes, ob er sie nicht mit dem Auto mitnehmen könne, weil sie noch so schlecht gehen könne, was er ihr nicht abschlagen kann. Diese Fahrten hatten ihn kurz zweifeln lassen, ob er womöglich in An verliebt sei, doch letztendlich hatte er sich doch für Arianne entschieden. Monate später, als er An im Zug wiedertraf, hatte er sich in seiner Entscheidung bestätigt gesehen. Er hatte in An dieselbe zerstörerische Energie gesehen, die auch Rutger hatte, nur noch unersättlicher, wenn es darum ging, Menschen auszunutzen.

Nachdem er Ans „Memoiren“ in seinem Briefkasten gefunden und gelesen hat, ist er dennoch besorgt, dass sie sich etwas angetan haben könnte. Er ruft Sandy an, die übergangsweise Ans Wohnung und Kater hütet, doch diese beruhigt ihn: Sie sei nach England gegangen.

Beurteilung:
Oker ist ein Entwicklungsroman in Briefform. Selbstironisch, phantasiereich, oft humorvoll, sehr bildlich und ausschweifend beschreibt die Ich-Erzählerin ihr recht freudloses Leben und ihr Leiden an der unerwiderten Liebe, die ihr Leben vom Moment des Kennenlernens an beherrscht. Der Leser leidet mit und kann sich die von ihr beschriebenen anderen Figuren sehr gut vorstellen, auch wenn diese nur skizziert werden. Die Ich-Erzählerin hat eine extrem anstrengende Persönlichkeit, macht jedoch einen aufrichtigen Eindruck und erst durch den Epilog kommen dem Leser Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Erzählinstanz.

Oker ist Verstrepens Debütroman und als solcher wirklich ganz erstaunlich. Man kann ihn nämlich kaum aus der Hand legen.