Im Alleingang

Harry Hole kehrt nach zehn Jahren aus seinem selbst gewählten Exil Hongkong zurück, weil er von einer früheren Kollegin erfahren hat, dass sein Stiefsohn Oleg einen Mann erschossen haben soll und deshalb in Haft sitzt. Hole muss erkennen, dass aus dem fröhlichen Jungen aus seiner Erinnerung zwischenzeitlich ein freudloser Junkie geworden ist, der tief im Drogensumpf steckt. Er gibt vor, sich an den Tathergang nicht mehr erinnern zu können, weil er high gewesen sei.

Holes Ermittlungsarbeit bringt ihn der Wahrheit immer näher, geht jedoch schleppend voran, da er relativ früh erkennen muss, dass es im Polizeipräsidium eine undichte Stelle gibt und er daher nicht weiß, wem er vertrauen kann. Zudem sind seine Ermittlungen der Osloer Unterwelt ein Dorn im Auge. Hole wird überfallen und schwer verletzt. Notdürftig verpflastert schlägt er sich weiter durch den Dschungel der Lügen und bringt schließlich den großen Drogenbaron Oslos, seine Entourage und auch den Hersteller der aktuellen Modedroge Violin mehr oder weniger im Alleingang zur Strecke. Zu guter Letzt muss er allerdings erkennen, dass für den Ausgangspunkt seiner Arbeit, den Mord an dem jungen Mann, Gusto, ein Drogendealer auf dem absteigenden Ast, doch Oleg verantwortlich ist. Er stellt ihn zur Rede...

 

Dies war mein erster Jo Nesbo, weil ich eigentlich kein Krimileser bin. Desto überraschter war ich, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen konnte und das Lesen im Grunde nur zum Schlafen unterbrochen habe.

 

Die Person des Harry Hole ist dem Leser direkt sympathisch, obwohl er vom Leben sowohl äußerlich als auch innerlich gezeichnet ist. Er ist ein Einzelkämpfer, der sich oft mit mehr Glück als Verstand aus der Affäre zu ziehen versteht. Neben ihm bleiben die meisten anderen Charaktere blass, aber das stört das Leseerlebnis nicht. Einzig über Gusto erfährt der Leser noch mehr, weil er in seinem inneren Monolog seine komplette Lebensgeschichte zusammenfasst bis hin zu seiner eigenen Erschießung.

 

Die verschiedenen Erzählperspektiven tragen wesentlich zur Steigerung der Spannung bei, sind hierfür sogar völlig unabdingbar. Würde der Leser einfach nur der neutralen, chronologischen Erzählung rund um Harry folgen, wäre die Geschichte nichts Besonderes. Sie gewinnt erst an Tempo durch den Wissensvorsprung des Lesers vor dem Protagonisten durch die verschiedenen personalen Erzähler und auch an Tiefe durch das verbale 3D-Puzzel, das der Leser selbst zusammensetzen muss.

 

Nachdem der Leser das Buch ausgelesen hat, bleibt er mit einer gewissen Verblüffung zurück, wie er sich so in einen Strudel hat hineinziehen lassen, denn rückblickend handelt es sich um einen Krimi wie viele andere mit einem Einzelkämpfer als Protagonisten, der im Alleingang die Probleme der Welt löst. Jo Nesbo hat offenbar das Talent, einen Krimi dank seiner sprachlichen Stärke zu etwas Besonderem aufzuwerten. Dem Übersetzer gilt ein besonderer Dank dafür, dass er diese Spannung ins Deutsch hinübergerettet hat.