Peter Theunynck - Elternpaar

Inspiration zu diesem Gedicht sind die zwei Skulpturen Trauerndes Elternpaar von Kätze Kollwitz auf dem Soldatenfriedhof in Vladslo in Belgien, die diese in Erinnerung an ihren eigenen, 1914 in der Ersten Flanderschlacht gefallenen Sohn Peter schuf.

 

Das Originalgedicht steht auf Peter Theunyncks Blog.

Für Käthe Kollwitz

Wie verschieden die Jahre.
Das eine windstill, ein Sommertag fast.
Das andere kann sich nicht laut genug hasten.
Manche, die kämpfen, manche, die sich paaren.
Du erwachtest im Jahr der Waffen.
Es pflügte den Held in dir hervor: Geharnischt
mit Sprache. Das Lied des Hades hörtest du nicht.

Ich wollte dich für den Frieden gewinnen.
Du lechztest nach harten Befehlen.
Ich ließ dich ein Mutterherz fühlen.
Du hörtest das Vaterland rufen.
Ich sprach vom Schicksal Achilles’ in Troja.
Du wähntest dich Zeus bei den Zyklopen.

Wir umarmten einander mit bleischweren Armen.
Steckten ein Schachbrett in dein Gepäck.
Schickten Goethes Faust mit dir mit.
Wir winkten und winkten. Man entriss dich uns lachend.
Du hörtest uns nicht. Nur noch die Stimme deines Kaisers.
Wir hörten dich nicht. Nur noch den Trommelwirbel in uns.
Für uns war das Warten ein dunkler Raum.

Der Sommer knetete Mörder aus fröhlichen Jungen.
Ein Güterzug – Bahngleise wissen, was Menschen nicht wissen –
brachte dein singendes Infanterieregiment zu dem Ort
wo sie kaum erwarten konnten, das Feld der Ehre zu betreten.

Zwei Tage genügten dir zum Sterben.
Zwei Tage von himmelhoch jauchzend bis unter die Erde.
Kugeln kränzten dein Haupt. Du färbtest das Roggenfeld rot.

Meine Briefe machten rechtsumkehrt.
„Zurück – gefallen”: Das waren die Worte.
Eine Splitterbombe in Berlin. Ein lebensgroßes Loch tief in uns.

Aus meinem Kopf wuchsen Zweige, mein Mund war eine Schildkröte.
Mein Herz ein Land unter Wasser. Nichts konnte
die Flut bezwingen. Ich verkroch mich in die oberste Etage.

Ein Stift. Manchmal enthält er alles, was er je schreiben wollte.
Manchmal gibt es die Zeilen schon. Sie warten bloß auf die Hand, die sie formt.
Sie warten auf jungfräuliches Weiß, um haarfein ihr Jawort zu geben.

Auf meinem Blatt erschien gebogen die Zeile der fallenden
Frau. Der Mutter, die sich nach der Grube sehnt,
die ihren kalten Sohn verführt hat. Fern ihres Bettes.
Auf meinem Blatt erschien senkrecht die Sprache des Schweigers,
des Vaters, die Arme verschränkt, um alles, was brodelt und braust
in diesem zerbrechenden Körper zu halten.

Trauer wurde aus dem Kern des Berges gesägt.
Trauer wurde in riesigen Brocken Granit verschifft.
Rhades hackte den Vater aus seiner hartnäckigen Gussform.
Dietrich gebar die Mutter aus ihrer versteinerten Gebärmutter.

Dann ging ich auf die Suche nach meinem Kind, das Lehm geworden war.
Du lagst zwischen Zarren und Esen. Der Eingang war bloß ein Loch
In der Hecke. Die Gräber waren bloß Hügel dicht an dicht,
bedeckt mit einem Rosenmantel. Auf einem der Kreuze
fand ich den Namen, den du einst von uns bekommen hast.

Dorthin brachte ich deinen Vater und deine Mutter, aus Trauer gemacht.
Sie können dich jetzt jeden Tag sehen. Sie sind stark genug,
die Trauer anderer Eltern zu schultern.

Ich bin vor meiner Zeit ergraut. Mein Herz ist aus
Narbengewebe gewoben, das Bluten meiner Hand nicht zu stillen.
Mein Blut spricht von Mutter zu Mutter: Gieße Wachs
ins Ohr deines Kindes, lass es nicht weggehen, um zu sterben
für Kaiser und Vaterland. Denn was ist heiliger Boden wert,
unter dem Söhne liegen.